Laut, dreckig, vulgär, ekelerregend – kurzum, einfach großartig!

23. November 2019 | Von | Kategorie: Rezensionen

Rezension von ……………………………… Bernhard Jahn

Was die Kolleginnen und Kollegen der Greiner Dilettantengesellschaft mit ihrer aktuellen Produktion DIE PRÄSIDENTINNEN hier auf die ehrwürdige Bühne des Stadttheaters Grein stellen, lässt sich nur schwer in Worte fassen.

Es ist das provokante Erstlingswerk des durchaus umstrittenen Autors Werner Schwab und eines lässt sich bereits vorab konstatieren: Dieses Stück lässt niemanden im Zuschauersaal kalt.
Erna, Grete und Mariedl sitzen vor dem Fernseher, in dem der Papst gerade seinen Segen erteilt, und sinnieren über ihr kaputtes Leben. Ihre Gedanken kreisen um die alltäglichen Dinge: die gestörte Beziehung zu den eigenen Kindern, zu den (Ex)Männern, oder zum Portal, durch das alles Menschliche einmal gehen muss – dem Abort.

Es ist eine Freude und wirklich witzig mitanzusehen, wie diese drei Damen ihr Inneres nach Außen kehren und so versuchen, den angesammelten Lebensschmutz loszuwerden.
Da werden menschliche Exkremente in all Ihren Erscheinungsformen plastisch beschrieben, Hunde getreten und der mangelnde Paarungswille des Sohnes thematisiert. Von den Phantasien der eigenen Sexualität ganz zu schweigen.
Hinter diesen Oberflächlichkeiten lauern allerdings eine Reihe von Themen, mit denen der Zuschauer in diesem Stück ganz nebenbei konfrontiert wird: Nationalsozialismus, familiärer Missbrauch, der tiefe Wunsch nach Liebe und Anerkennung.
Ein Stück also, das den Betrachter in die Seelenwelt dreier völlig unterschiedlicher Frauen entführt. So großartig dieser Text in seiner teils verstörenden Sprache wirkt, so sehr wird er in Grein von einem phantastischen Ensemble getragen.

Monique Bergmann überzeugt als gebrochene Erna, die sich Ihre Lebensfreude einfach als überdimensionale Pelzhaube über den Kopf stülpt. Grandios wie immer Melanie Janz, die mit vollem körperlichen und stimmlichen Einsatz ihre kranke Rolle Grete meistert. Und schließlich Andrea Lehner, die sich detailverliebt und schlicht bezaubernd nicht entscheiden kann, wen sie mehr lieben soll: den Herrn Pfarrer oder den menschlichen Stuhl.
Ein großes Lob auch Martin Zels für die kompromisslose Regie und David Hochgatterer für das überraschend wandelbare Bühnenbild.

Die rund 90 Minuten Nettospielzeit vergehen wie im Fluge und beim Verlassen der historischen Greiner Theaterstätte weiß man genau: Diese Inszenierung wird noch eine ganze Weile nachwirken. Chapeau!

Noch zu sehen am:

24.11. um 17 Uhr
29 u. 30.11. um 19.30 Uhr

1.12. um 17 Uhr
6.12. um 19.30 Uhr

https://dilettanten.jimdo.com

Schreibe einen Kommentar

*