{"id":22364,"date":"2026-08-02T14:23:29","date_gmt":"2026-08-02T13:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/?p=22364"},"modified":"2026-08-02T14:25:41","modified_gmt":"2026-08-02T13:25:41","slug":"tanz-ins-verderben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/?p=22364","title":{"rendered":"Tanz ins Verderben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-22362\" src=\"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1-200x133.jpg 200w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1-1320x879.jpg 1320w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer1.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Rezension Hermine Touschek, Fotos: Flora Fellner &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<\/p>\n<p>Die <strong><span style=\"color: #ff0000;\">Grenzlandb\u00fchne Leopoldschlag<\/span><\/strong> hat im Rahmen der allj\u00e4hrlich stattfindenden \u201eSommertheatertage\u201c das St\u00fcck <strong><span style=\"color: #ff0000;\">\u201eDer Boxer\u201c<\/span><\/strong> von <span style=\"color: #ff0000;\">Felix Mitterer<\/span> auf den Spielplan gesetzt. Regie f\u00fchrte einmal mehr <strong><span style=\"color: #0000ff;\">Daniel Pascal<\/span><\/strong>.<\/p>\n<p>Das Theaterst\u00fcck erz\u00e4hlt die bewegende Geschichte des deutschen Sinto-Boxers Johann \u201eRukeli\u201c Trollmann (<span style=\"color: #0000ff;\">Bernhard Jahn<\/span>) und sein Schicksal w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Johann \u201eRukeli\u201c Trollmann galt als au\u00dfergew\u00f6hnliches Boxtalent. Mit seinem schnellen, eleganten und f\u00fcr die damalige Zeit unkonventionellen Kampfstil begeisterte er das Publikum. Im Juni 1933 k\u00e4mpfte er um die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht und dominierte den Kampf Runde f\u00fcr Runde.<br \/>\nDoch weil Trollmann einer Sinti-Familie entstammte, verweigerte die Jury zun\u00e4chst die Anerkennung seines Sieges. Sein Boxstil entspreche nicht dem \u201edeutschen Faustkampf\u201c, lautete die diskriminierende Begr\u00fcndung. Erst nach heftigen Protesten der Zuschauer wurde er zum Deutschen Meister erkl\u00e4rt. Wenig sp\u00e4ter entzog man ihm den Titel jedoch erneut \u2013 offiziell wegen angeblich \u201eschlechten Boxens\u201c.<br \/>\nMit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten fand Trollmanns vielversprechende Karriere ein abruptes Ende. Als Sinto wurde er verfolgt, entrechtet und schlie\u00dflich in ein Konzentrationslager deportiert. Dort zwang ihn die SS, gegen Mitgefangene zu boxen \u2013 K\u00e4mpfe, bei denen eine Niederlage oft den Tod bedeutete. Johann \u201eRukeli\u201c Trollmann wurde 1944 im Konzentrationslager ermordet.<\/p>\n<p>Mitterer schrieb mit \u201eDer Boxer\u201c ein beeindruckendes, bewegendes Theaterst\u00fcck zur Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma in der NS-Zeit.<br \/>\nRund 500.000 Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich und den von Deutschland besetzten L\u00e4ndern wurden w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet. Der V\u00f6lkermord an den Sinti und Roma z\u00e4hlt zu den lange verdr\u00e4ngten Verbrechen des NS-Regimes.<br \/>\nNach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten die Opfer \u00fcber Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit. In Deutschland und \u00d6sterreich wurde den \u00dcberlebenden eine Entsch\u00e4digung h\u00e4ufig mit der Begr\u00fcndung verweigert, sie seien nicht aus rassistischen Motiven verfolgt worden, sondern aufgrund ihrer angeblich \u201easozialen\u201c oder \u201ekriminellen\u201c Lebensweise. Diese diskriminierende Argumentation setzte die nationalsozialistische Verfolgungsideologie fort und verz\u00f6gerte die gesellschaftliche und politische Anerkennung des an den Sinti und Roma begangenen V\u00f6lkermords \u00fcber viele Jahrzehnte.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Bernhard Jahn<\/span> als \u201eRukeli\u201c t\u00e4nzelt und gleitet beinahe mit Leichtigkeit \u00fcber die B\u00fchne \u2013 nicht nur in den Boxszenen, sondern auch im Zusammenspiel mit seinen MitspielerInnen. Mit ausladenden Gesten, einem breiten, verschmitzten Lachen und einer unb\u00e4ndigen Pr\u00e4senz verk\u00f6rpert er Trollmann als frech und rebellisch &#8211; gleicherma\u00dfen provokant und faszinierend.<br \/>\nErst nach und nach scheint dem einst so starken Mann unter der Last der psychischen und k\u00f6rperlichen Dem\u00fctigungen jede Lebenskraft zu entweichen. Sp\u00e4testens nach der Zwangssterilisation, als er \u2013 gebrochen und verzweifelt \u2013 seine eigene M\u00e4nnlichkeit infrage stellt, entsteht einer jener seltenen Momente im Theater, in denen ein Schauspieler allein durch Stimme, K\u00f6rper und Mimik eine ersch\u00fctternde Intensit\u00e4t entfaltet, die dem Publikum einen Schauer \u00fcber den R\u00fccken jagt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Manfred Wolf<\/span> verk\u00f6rpert den regimetreuen Boxer Reinhard Wolf mit Strenge: steif, diszipliniert und von erschreckender Brutalit\u00e4t. Sp\u00e4ter setzt er sich als Lagerkommandant pers\u00f6nlich f\u00fcr Rukelis Internierung ein, um ihn zu t\u00f6dlichen Boxk\u00e4mpfen gegen Mitgefangene zu zwingen.<br \/>\nMit feinen Zwischent\u00f6nen l\u00e4sst er unterschwelligen Selbsthass und nagenden Zweifel aufscheinen. Seine Machtdemonstrationen wirken zunehmend wie der verzweifelte Versuch, eigene Unsicherheit zu \u00fcberspielen, w\u00e4hrend seine Grausamkeit als ebenso erb\u00e4rmlicher wie erschreckender Ausdruck einer tief verletzten m\u00e4nnlichen Eitelkeit sichtbar wird.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Robert Traxler<\/span> zeichnet den Polizisten Heinz Harm als einen opportunistischen Mitl\u00e4ufer des Regimes, hin- und hergerissen zwischen aufrichtiger Sympathie f\u00fcr die verfolgte Familie Trollmann und Rukeli und wachsender innerer Aggression. Unter dem Druck und den Dem\u00fctigungen seiner Vorgesetzten ger\u00e4t seine Figur zunehmend in einen Strudel aus Anpassung und Selbstverleugnung. Traxler macht \u00fcberzeugend die Widerspr\u00fcchlichkeit dieses Charakters sichtbar: Zwischen Gesten der Freundschaft und vermeintlich unausweichlichen Gewalttaten laviert er rastlos hin und her \u2013 ein Mann, der sich seiner Verantwortung entzieht und gerade dadurch zum T\u00e4ter wird.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Alfred Wahlm\u00fcller<\/span> gibt Dr. Ritter, den sogenannten \u201eZigeuner-Forscher\u201c und Rassenhygieniker, der nach au\u00dfen Empathie und wissenschaftliche Sachlichkeit vort\u00e4uscht. Hinter dieser Fassade verbirgt sich jedoch ein skrupelloser Karrierist, der mit erschreckender emotionaler K\u00e4lte und menschenverachtender Konsequenz handelt. Er macht sichtbar, wie sich scheinbare F\u00fcrsorge und b\u00fcrokratische H\u00f6flichkeit mit ideologischer Verblendung und r\u00fccksichtsloser Grausamkeit verbinden.<\/p>\n<p>Rukelis Familie (<span style=\"color: #0000ff;\">Reinhard Knoll<\/span> als \u201eSchnipplo\u201c Trollmann, <span style=\"color: #0000ff;\">Daniela Sabaini<\/span> als Mutter \u201ePessi\u201c, <span style=\"color: #0000ff;\">Dominik Chalupar<\/span> als Bruder \u201eStabeli\u201c und <span style=\"color: #0000ff;\">Martin<\/span> <span style=\"color: #0000ff;\">Oberngruber<\/span> als Bruder \u201eCarlo\u201c) \u00fcberzeugt durch ihre Herzensw\u00e4rme, ihre Lebensfreude und eine tief verankerte, von Generation zu Generation weitergegebene Weisheit.\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-22363\" src=\"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2-200x133.jpg 200w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2-1320x879.jpg 1320w, https:\/\/www.amateurtheater-ooe.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Boxer2.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Martina Lanzersdorfer<\/span> verk\u00f6rpert Rukelis Ehefrau Olga mit gro\u00dfer W\u00e4rme und Aufrichtigkeit. In ihrer liebevollen Hingabe und ihrem unersch\u00fctterlichen Vertrauen kann sie sich lange nicht vorstellen, zu welcher Grausamkeit Menschen f\u00e4hig sind. Gerade diese Mischung aus Hoffnung, G\u00fcte und schmerzhaftem Unverst\u00e4ndnis verleiht ihrer Figur eine ber\u00fchrende Tiefe.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Regisseur Daniel Pascal<\/span> inszeniert das emotional aufw\u00fchlende Geschehen mit gro\u00dfer Sensibilit\u00e4t. Mit feiner Personenf\u00fchrung verleiht er jeder Figur emotionale Tiefe und zeichnet sie eindrucksvoll vor dem Hintergrund des menschenverachtenden Wahns der nationalsozialistischen Rassenverfolgung.<br \/>\nBemerkenswert ist dabei, dass keine Rolle herausragt \u2013 auch die Titelfigur wird nicht k\u00fcnstlich \u00fcberh\u00f6ht. Die Inszenierung entfaltet ihre Kraft aus dem pr\u00e4zise aufeinander abgestimmten Zusammenspiel eines Ensembles, dessen Charaktere mit gro\u00dfer Sorgfalt und Wahrhaftigkeit gezeichnet sind.<\/p>\n<p>Auch wenn \u201eDer Boxer\u201c kein leichtes Sommertheaterst\u00fcck ist, darf man sich diese beeindruckende Produktion nicht entgehen lassen.<br \/>\nNoch zu sehen am:<\/p>\n<p>FR, 07. August 2026 um 19:30 Uhr<br \/>\nSA, 08. August 2026 um 19:30 Uhr<br \/>\nSO, 09. August 2026 um 15:00 Uhr<br \/>\nDO, 13. August 2026 um 19:30 Uhr<br \/>\nFR, 14. August 2026 um 19:30 Uhr<br \/>\nSA, 15. August 2026 um 19:30 Uhr<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/grenzlandbuehne.jimdofree.com\/aktuell\/\">https:\/\/grenzlandbuehne.jimdofree.com\/aktuell\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension Hermine Touschek, Fotos: Flora Fellner &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;. 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