Das Barocktheater sieht rot
27. April 2026 | Von Hermine Touschek | Kategorie: RezensionenRezension und Foto: Christian Maier …..
„Der Talisman“ von Johann Nestroy entfaltet sich im Barocktheater Lambach unter der Regie von John F. Kutil als ein Feuerwerk aus Wortwitz, pointierter Situationskomik und liebevoll überzeichneten Charakteren, die so frisch wirken, als hätte Nestroy sie erst gestern zu Papier gebracht. Das Ensemble stürzt sich mit sichtbarer Spielfreude in das Absurde und lässt dabei fast vergessen, wie treffsicher die gesellschaftliche Kritik im Hintergrund eigentlich ist.
Die Gänsehüterin Salome Pockerl (Eva Kirschner) wird wegen ihrer roten Haare verspottet und ausgegrenzt, obwohl sie selbst durchaus stolz auf sie ist. Auch der vagabundierende Titus Feuerfuchs (Samuel Raser) leidet unter Vorurteilen gegenüber seiner Haarfarbe und kritisiert die Engstirnigkeit der Menschen. Als sich die beiden begegnen, erzählt Titus von seinem reichen und einzigen noch lebenden Verwandten, der ihn ebenfalls wegen seiner roten Haare ablehnt. Salome möchte ihm Arbeit verschaffen und hofft auf eine gemeinsame Zukunft.
Als Titus dem Friseur Marquis (Helmut Hörtenhuber-Treben) das Leben rettet, erhält er dafür eine schwarzgelockte Perücke, die ihm Glück bringen soll. Mit diesem „Talisman“ adjustiert, gewinnt er rasch die Gunst der Gärtnerwitwe Flora Baumscheer (Ursula Hois), die ihn als Gehilfen einstellt, mit dem Anzug ihres verstorbenen Mannes ausstattet und sogar als möglichen nächsten Ehegatten sieht.
Aber schon bald zeigt auch Constantia (Ulrike Kepp), verwitwete Kammerzofe und Geliebte von Marquis, Interesse an Titus. Angetan von der schwarzen Lockenpracht umwirbt sie Titus und möchte ihm die Stelle ihres verstorbenen Mannes als Jäger verschaffen. Als Marquis Constantia und Titus zusammen sieht, stiehlt er Titus im Schlaf die schwarze Perücke. Titus greift im Dunkeln irrtümlich zu einer blonden und erscheint so vor der Frau von Cypressenburg (Anna Gartner). Mit selbstbewussten Worten beeindruckt er sie, wird zu ihrem Sekretär befördert und erhält einmal mehr die Kleidung ihres verstorbenen Mannes.
Um seine wahre Haarfarbe zu verbergen, verleumdet Titus Flora und Constantia, woraufhin beide entlassen werden sollen. Titus genießt seinen plötzlichen Einfluss, doch bei einer Abendgesellschaft entlarvt Marquis ihn als Betrüger. Als Titus die Perücke abnimmt, wenden sich die Frauen wegen seiner roten Haare von ihm ab. Er verlässt das Schloss.
Der schwerreiche Bierversilberer Spund (Georg Bachleitner) besucht schließlich seinen Neffen Titus, um ihm zu helfen und seinen Ruf zu retten. Auf dem Schloss verbreitet sich das Gerücht, Titus werde reich, worauf Flora und Constantia erneut Interesse zeigen. Titus versteckt seine roten Haare unter einer grauen Perücke, was Spund dazu bewegt, ihn zum Erben zu machen. Die Frauen pochen auf angebliche Heiratsversprechen, doch Titus lehnt ab. Als Salome versehentlich die Perücke entfernt, gesteht Titus die Wahrheit. Er verzichtet auf das Erbe, bittet nur um Unterstützung für ein eigenes Geschäft und entscheidet sich für Salome, die ihn von Anfang an akzeptiert hat.
Und damit rote Haare nichts Außergewöhnliches mehr sind, erklärt Titus: „Ich weiß, Herr Vetter, die roten Haar’ mißfallen Ihnen, sie mißfallen fast allgemein. Warum aber? Weil der Anblick zu ungewöhnlich is; wann’s recht viel’ gäbet, käm’ die Sach’ in Schwung, und daß wir zu dieser Vervielfältigung das unsrige beitragen werden, da kann sich der Herr Vetter verlassen drauf.“
Fazit: Obwohl Nestroy das Stück bereits 1840 geschrieben hat, bestehen doch erstaunliche und zugleich zum Nachdenken anregende Parallelen zur heutigen Zeit. Vorurteil und Ausgrenzung sind immer noch allgegenwärtige Themen.
Noch zu sehen am
29.4. um 19:30 Uhr

