Verstörend, brutal und dennoch ungemein wichtig
14. April 2026 | Von Joy Pia Mader | Kategorie: RezensionenRezension: Bernhard Paumann
„Der Mensch ist ein Vieh“ (landläufiger Aphorismus); wenn er an der Macht ist, benimmt er sich wie eine reißende Bestie, ist er unterdrückt, nur mehr eine armselige Kreatur. Das ist die Aussage der neuesten Produktion „Das Experiment“ der Theatergruppe Alberndorf, ein theatrales Wagnis, das in der derzeitigen politischen und moralischen Situation von größter Wichtigkeit ist.
Katrin Hofstadler führt ihr Ensemble geschickt durch den Niedergang jeglicher menschlicher Handlungsweise. Zehn Freiwillige nehmen an einer scheinbar harmlosen sozialwissenschaftlichen Studie teil, die Dr. Thon (Helmut Madlmair) und seine Assistentin (Katharina Ebenhofer) mit brutaler Vorgehensweise durchziehen wollen. Vier erhalten Macht, die übrigen müssen sich konsequent an die Regeln halten. Daniel Kastenhofer als Berus, der sich vom „Waserl“ zum brutalen Schläger entwickelt, und Hannes Fabian als Eckert, dem die Macht zu Kopfe steigt und echte „Folterqualitäten entwickelt, zeigen konsequent, wie falsch verstandene Autorität zu Machtmissbrauch eskaliert. Renzel (Elke Glas) agiert verhaltener, Max Kapeller als Bosch versucht zu verbinden und scheitert damit.
Die „Gefangenen“, die sich nur mit ihren Nummern anreden dürfen, agieren in diesem Milieu von Angst, Ohnmacht und Verzweiflung unterschiedlich. Klaus Hofstadler mimt vorerst den Revoluzzer und hat starke Momente, wenn er die anderen auf seine Seite bringen will, Martin Ganglberger sieht sein Heil im Stockholm Syndrom. Kathrin Hofstadler und Viktoria Kastenhofer realisieren stark die Opferrolle, Marie Schnölzer und Robert Heinzl wollen nur mehr vehement den Ausstieg aus dem Experiment. Beklemmende Szenen entwickeln sich da. Was eher gemächlich im ersten Teil begann, der durchaus eine Kürzung vertragen hätte und so die Pause, die aus der aufgebauten Spannung herausgerissen hatte, unnötig gemacht hätte, entwickelte sich mit einer ungeheuerlichen Rasanz im zweiten Teil. Und hier habe ich echtes, tiefes Spiel erlebt, das in der Katastrophe endet. Der ins Schluss-Black fallende Satz „Aber es ist doch nur ein Spiel“ verkörpert die ganze Tragik des Machtmissbrauchs, der sehr an das „Milgram Experiment“ erinnert.
Beklemmend auch das Bühnenbild, das Gitterzellen darstellt und einen langen Gang simuliert, der durch eine Schiebetür andere Schauplätze simuliert. (Einige Schiebungen weniger hätten auch gereicht).
Dass sich eine Gruppe über ein so gegenwärtiges, höchst aktuelles Thema drüber traut, ist im höchsten Maße zu loben und sollte Anstoß sein (auch für andere Gruppen) für weitere Produktionen. „Das Experiment“ war verstörend, brutal und dennoch ungemein wichtig.
