Tanz ins Verderben

2. August 2026 | Von | Kategorie: Rezensionen

Rezension Hermine Touschek, Fotos: Flora Fellner ……………….

Die Grenzlandbühne Leopoldschlag hat im Rahmen der alljährlich stattfindenden „Sommertheatertage“ das Stück „Der Boxer“ von Felix Mitterer auf den Spielplan gesetzt. Regie führte einmal mehr Daniel Pascal.

Das Theaterstück erzählt die bewegende Geschichte des deutschen Sinto-Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann (Bernhard Jahn) und sein Schicksal während der Zeit des Nationalsozialismus.

Johann „Rukeli“ Trollmann galt als außergewöhnliches Boxtalent. Mit seinem schnellen, eleganten und für die damalige Zeit unkonventionellen Kampfstil begeisterte er das Publikum. Im Juni 1933 kämpfte er um die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht und dominierte den Kampf Runde für Runde.
Doch weil Trollmann einer Sinti-Familie entstammte, verweigerte die Jury zunächst die Anerkennung seines Sieges. Sein Boxstil entspreche nicht dem „deutschen Faustkampf“, lautete die diskriminierende Begründung. Erst nach heftigen Protesten der Zuschauer wurde er zum Deutschen Meister erklärt. Wenig später entzog man ihm den Titel jedoch erneut – offiziell wegen angeblich „schlechten Boxens“.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fand Trollmanns vielversprechende Karriere ein abruptes Ende. Als Sinto wurde er verfolgt, entrechtet und schließlich in ein Konzentrationslager deportiert. Dort zwang ihn die SS, gegen Mitgefangene zu boxen – Kämpfe, bei denen eine Niederlage oft den Tod bedeutete. Johann „Rukeli“ Trollmann wurde 1944 im Konzentrationslager ermordet.

Mitterer schrieb mit „Der Boxer“ ein beeindruckendes, bewegendes Theaterstück zur Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma in der NS-Zeit.
Rund 500.000 Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich und den von Deutschland besetzten Ländern wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet. Der Völkermord an den Sinti und Roma zählt zu den lange verdrängten Verbrechen des NS-Regimes.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten die Opfer über Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit. In Deutschland und Österreich wurde den Überlebenden eine Entschädigung häufig mit der Begründung verweigert, sie seien nicht aus rassistischen Motiven verfolgt worden, sondern aufgrund ihrer angeblich „asozialen“ oder „kriminellen“ Lebensweise. Diese diskriminierende Argumentation setzte die nationalsozialistische Verfolgungsideologie fort und verzögerte die gesellschaftliche und politische Anerkennung des an den Sinti und Roma begangenen Völkermords über viele Jahrzehnte.

Bernhard Jahn als „Rukeli“ tänzelt und gleitet beinahe mit Leichtigkeit über die Bühne – nicht nur in den Boxszenen, sondern auch im Zusammenspiel mit seinen MitspielerInnen. Mit ausladenden Gesten, einem breiten, verschmitzten Lachen und einer unbändigen Präsenz verkörpert er Trollmann als frech und rebellisch – gleichermaßen provokant und faszinierend.
Erst nach und nach scheint dem einst so starken Mann unter der Last der psychischen und körperlichen Demütigungen jede Lebenskraft zu entweichen. Spätestens nach der Zwangssterilisation, als er – gebrochen und verzweifelt – seine eigene Männlichkeit infrage stellt, entsteht einer jener seltenen Momente im Theater, in denen ein Schauspieler allein durch Stimme, Körper und Mimik eine erschütternde Intensität entfaltet, die dem Publikum einen Schauer über den Rücken jagt.

Manfred Wolf verkörpert den regimetreuen Boxer Reinhard Wolf mit Strenge: steif, diszipliniert und von erschreckender Brutalität. Später setzt er sich als Lagerkommandant persönlich für Rukelis Internierung ein, um ihn zu tödlichen Boxkämpfen gegen Mitgefangene zu zwingen.
Mit feinen Zwischentönen lässt er unterschwelligen Selbsthass und nagenden Zweifel aufscheinen. Seine Machtdemonstrationen wirken zunehmend wie der verzweifelte Versuch, eigene Unsicherheit zu überspielen, während seine Grausamkeit als ebenso erbärmlicher wie erschreckender Ausdruck einer tief verletzten männlichen Eitelkeit sichtbar wird.

Robert Traxler zeichnet den Polizisten Heinz Harm als einen opportunistischen Mitläufer des Regimes, hin- und hergerissen zwischen aufrichtiger Sympathie für die verfolgte Familie Trollmann und Rukeli und wachsender innerer Aggression. Unter dem Druck und den Demütigungen seiner Vorgesetzten gerät seine Figur zunehmend in einen Strudel aus Anpassung und Selbstverleugnung. Traxler macht überzeugend die Widersprüchlichkeit dieses Charakters sichtbar: Zwischen Gesten der Freundschaft und vermeintlich unausweichlichen Gewalttaten laviert er rastlos hin und her – ein Mann, der sich seiner Verantwortung entzieht und gerade dadurch zum Täter wird.

Alfred Wahlmüller gibt Dr. Ritter, den sogenannten „Zigeuner-Forscher“ und Rassenhygieniker, der nach außen Empathie und wissenschaftliche Sachlichkeit vortäuscht. Hinter dieser Fassade verbirgt sich jedoch ein skrupelloser Karrierist, der mit erschreckender emotionaler Kälte und menschenverachtender Konsequenz handelt. Er macht sichtbar, wie sich scheinbare Fürsorge und bürokratische Höflichkeit mit ideologischer Verblendung und rücksichtsloser Grausamkeit verbinden.

Rukelis Familie (Reinhard Knoll als „Schnipplo“ Trollmann, Daniela Sabaini als Mutter „Pessi“, Dominik Chalupar als Bruder „Stabeli“ und Martin Oberngruber als Bruder „Carlo“) überzeugt durch ihre Herzenswärme, ihre Lebensfreude und eine tief verankerte, von Generation zu Generation weitergegebene Weisheit. 

Martina Lanzersdorfer verkörpert Rukelis Ehefrau Olga mit großer Wärme und Aufrichtigkeit. In ihrer liebevollen Hingabe und ihrem unerschütterlichen Vertrauen kann sie sich lange nicht vorstellen, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind. Gerade diese Mischung aus Hoffnung, Güte und schmerzhaftem Unverständnis verleiht ihrer Figur eine berührende Tiefe.

Regisseur Daniel Pascal inszeniert das emotional aufwühlende Geschehen mit großer Sensibilität. Mit feiner Personenführung verleiht er jeder Figur emotionale Tiefe und zeichnet sie eindrucksvoll vor dem Hintergrund des menschenverachtenden Wahns der nationalsozialistischen Rassenverfolgung.
Bemerkenswert ist dabei, dass keine Rolle herausragt – auch die Titelfigur wird nicht künstlich überhöht. Die Inszenierung entfaltet ihre Kraft aus dem präzise aufeinander abgestimmten Zusammenspiel eines Ensembles, dessen Charaktere mit großer Sorgfalt und Wahrhaftigkeit gezeichnet sind.

Auch wenn „Der Boxer“ kein leichtes Sommertheaterstück ist, darf man sich diese beeindruckende Produktion nicht entgehen lassen.
Noch zu sehen am:

FR, 07. August 2026 um 19:30 Uhr
SA, 08. August 2026 um 19:30 Uhr
SO, 09. August 2026 um 15:00 Uhr
DO, 13. August 2026 um 19:30 Uhr
FR, 14. August 2026 um 19:30 Uhr
SA, 15. August 2026 um 19:30 Uhr

https://grenzlandbuehne.jimdofree.com/aktuell/

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