Die Leistungsgesellschaft lässt wieder einmal grüßen

6. Juli 2026 | Von | Kategorie: Rezensionen

Rezension: Hermine Touschek, Fotos: Sabine Prötsch ……….

„Frau Müller muss weg“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz hatte in der Bearbeitung und Regie von Uwe Marschner am 26. Mai in der Kellerbühne Puchheim Premiere.

Das Stück wurde 2010 in Deutschland uraufgeführt. Im Jahr 2015 folgte zudem eine erfolgreiche Verfilmung.

Die Eltern der Klasse 4b sind in heller Aufregung. Offenbar gibt es Spannungen und Probleme innerhalb der Klasse. Am Ende des Schuljahres wird sich zeigen, wer den Sprung aufs Gymnasium schafft – und wer nicht. Die Klassenlehrerin, Frau Müller (Sabine Mospointner), wird zum Elternabend gebeten – oder besser gesagt: zur Krisensitzung. Es wurden Unterschriften von allen Eltern gesammelt, und die 5 anwesenden Elternvertreter legen diese Frau Müller vor. Es kann nur eine Lösung geben: Frau Müller muss weg.

Was die Eltern dabei geflissentlich ausblenden, ist das Verhalten ihrer eigenen Kinder. Deren Respektlosigkeit und mangelnde Disziplin würden wohl selbst die geduldigste Lehrkraft an ihre Grenzen bringen. Frau Müller bleibt den Angreifern jedoch nichts schuldig: Sie schlägt zurück und hält den Eltern ihre eigenen Versäumnisse und Widersprüche schonungslos vor Augen. Der Konflikt eskaliert und Frau Müller stürmt wutentbrannt, den Tränen nahe, aus dem Klassenzimmer. Da sie dabei ihre Handtasche samt Schlüsselbund zurücklässt, erwarten die zurückbleibenden Eltern ihre baldige Rückkehr.

Nach kurzer Wartezeit und erneuter Beratung machen sich einige der Elternabordnung schließlich in der gesamten Schule auf die Suche nach der Lehrerin.
Man nutzt die Zeit auch, um das aufgeregte Gespräch noch einmal Revue passieren zu lassen. Alte Konflikte brechen wieder auf, sorgsam aufgebaute Fassaden geraten ins Wanken, und schon bald richten die Eltern ihre Angriffe nicht mehr gegen Frau Müller, sondern gegeneinander – mit derselben Vehemenz, die sie zuvor noch im gemeinsamen Kampf vereinte.
Als Frau Müller am Abend doch zurückkehrt, um ihre Handtasche zu holen, wendet sich das Blatt plötzlich gleich mehrfach.

Natürlich bedient das Stück so manches Klischee – und genau darin liegt ein großer Teil seines Reizes. Mit sichtbarer Spielfreude und feinem Gespür verleihen die SchauspielerInnen  den Figuren Leben. Wer im Schulbetrieb arbeitet, weiß allerdings nur zu gut: Diese vermeintlichen Klischees sind keineswegs bloße Erfindungen. Man begegnet ihnen öfter, als einem lieb ist – manchmal sogar im eigenen Lehrerzimmer oder beim nächsten Elternabend.

Unter der Regie von Uwe Marschner wird das Stück zum Kammerspiel, das die Verzweiflung, den Leistungsdruck und die Egozentrik moderner Eltern (sog. Helikopter-Eltern) messerscharf zeichnet. Die Inszenierung findet eine perfekte Balance zwischen Humor, intelligenten Dialogen und tiefschürfender Gesellschaftskritik – unterhaltsam und tiefgründig zugleich.

Sabine Mospointner spielt Frau Müller überzeugend als eine leicht tollpatschige Lehrerin. Die selbstbewusste und erfahrene Pädagogin nimmt ihr das Publikum ohne jede Frage ab. Es gelingt ihr großartig, zwischen eigenen Emotionen, zwischen Zuneigung zu den Kindern und Aggression gegenüber den Eltern zu wechseln.

Carina Unterberger als Jessica Höfel ist eine überzeugende Karrierezicke, gefühlskalte und arrogante Figur, die sich selbst zur Frontfrau der Elterninitiative erklärt. Den Abend hatte sie sich vermutlich etwas harmonischer vorgestellt. Als sich dieser Wunsch in Luft auflöst, mutiert sie zur verbalen Kampfmaschine. Mit der Präzision einer Anklägerin zählt sie Frau Müllers vermeintliche Fehltritte auf.  Es zeigt sich dann aber auch, dass sie über die Verfehlungen ihre Tochter Laura bestens informiert ist.

Matthias Hirsch als Wolf Heider interpretiert großartig ein konfliktscheues Weichei. Seine Mischung aus Unentschlossenheit und penetranter Rechthaberei macht die Figur herrlich unerquicklich – und genau deshalb so überzeugend.  Ein chronisch überforderter Vater, der mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit in jedes Fettnäpfchen tritt und dabei eine soziale Katastrophe nach der nächsten auslöst.

Simone Hirsch und Rahel Schmidbauer geben das lesbische Paar, Marina und Patrizia Moser, denen es vor allem um die Ausgrenzung ihres vermeintlich hochbegabten Sohnes geht. Marina ist die widerwillige Exil-Grazerin und duldet keinen Angriff auf ihren kleinen Lukas. Als der Sohn kurzerhand zum Klassenclown mit ADHS abgestempelt wird, verwandelt sich ihre bieder-besorgte Fassade in kämpferische Wut. Ehefrau Patrizia (Rahel Schmidbauer) gibt zunächst die Vermittlerin, doch auch ihr entgleitet schließlich die Situation: Die Contenance ist dahin – und der Streit endet im Gebrüll gegen Marina.

Janet Beer verleiht der alleinerziehenden Mutter des Klassenbesten, Katja Grabowski, viel Charme und Herzlichkeit. Sie schließt sie sich dem Widerstand weniger aus Überzeugung als aus demokratischer Loyalität zur Mehrheit an. Gerade diese Ambivalenz spielt Janet Beer mit feinem Gespür aus. Während sich die übrigen Eltern genüsslich in Hysterie und Überzeichnung verlieren, setzt sie auf leise Töne – und sorgt mit ihrer zurückgenommenen, glaubwürdigen Darstellung für einen wohltuenden Gegenpol.

Das Ensemble formt eindringlich und nuancenreich Charaktere: widersprüchliche Menschen mit Ecken, Kanten und Brüchen, die mit Präzision, Energie und beeindruckender Wahrhaftigkeit Gestalt annehmen.

Wir freuen uns auf das nächste Theaterprojekt der Kellerbühne Puchheim.

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